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Japan Studienreisen

Okinawas Kampfkünste

Karate und Kobudo

Die Geschichte des Karate ist kaum von der des Kobudo zu trennen. Beide gehören sie zur Kampfkunst Okinawas. Kobudo ist ein Nahkampf mit und ohne Waffen. Für die Okinawa Kampfkunst steht der Hauptbegriff Okinawa Kobudo als Ganzes. Um das Ganze zu verstehen, muss man seine Teile lernen. Dazu gehören zum Beispiel Karate und Judo. Kobudowaffen sollte man kennen und mit ihnen umgehen können, nur so kann man Karate und seine Techniken verstehen lernen. Ziemlich jeder Karate Meister auf Okinawa ist auch ein Meister in der Handhabung von Kobudowaffen. Lernt man den Umgang mit den Kobudowaffen, lernt man auch seinen Körper besser kennen. Das Training schult das Gefühl für Geschicklichkeit, Körperbeherrschung und Koordination. Für jede Waffe wird ein intensives und umfangreiches Training benötigt. Diese Schule ist so umfangreich, dass man kaum alle Waffentechniken beherrschen kann. Hier zählt die Weisheit – weniger ist mehr. Das bedeutet, lieber wenige Waffentechniken zu trainieren, aber diese ständig weiterzuentwickeln und zu vervollkommnen.

Die Ryūkyū-Inselgruppe hatte zur damaligen Zeit keine große politische Bedeutung. Jedoch wurde sie durch ihre geographische Lage zu einem beliebten Handelszentrum im süd- und ostasiatischen Raum. Ein beliebter Umschlagplatz von Waren- und ge­sell­schaftskulturellen Informationsströmen waren die Zentren Naha, Tomari und Shuri auf Okinawa. Den starken wirtschaft­li­chen, kulturellen und politischen Einflüssen des mächtigen China unterlagen auch die Ryūkyū-Inseln. Die Inselgruppe wurde lange Zeit von Unruhen, Machtkämpfen und Aufständen heimgesucht. Erst 1416 wurde das Land befreit und von dem da­ma­li­gen König Sho Shin geeinigt. Er verbot das Tragen von Waffen, um somit den Frieden zu sichern. Das Waffenverbot führte zu einem ersten Aufschwung des Okinawa Karates. Die Okinawaner nannten es Te, was soviel wie Hand bedeutet bzw. To-te – chinesische Hand. Das Zeichen für „to“ kann man auch als „kara“ lesen, wodurch sich die Bezeichnung Kara-te einbürgerte. Viele Meister des To-te nutzten den regen Austausch mit China zu einer Reise. Sie ließen sich in Chuan-fa-Technik ausbilden um ihre Kampfkünste zu verbessern. Aber auch viele chinesische Meister kamen nach Okinawa. Sie wollten hier Kempo, das chinesische Boxen unterrichten.

Der japanische Satsuma-Clan besetzte die Ryūkyū-Inseln 1609. Der damalige Stadthalter auf Okinawa, Shimazu beschnitt stark die Rechte und Freiheiten der Okinawaner durch seine Bestimmungen und Verbote. Das Waffenverbot wurde weiter aus­ge­wei­tet. Man drohte mit grausamsten Strafen nur für den Besitz eines rostigen Schwertes. So bildete sich im Geheimen eine konspi­ra­ti­ve Opposition. Eine geheime Allianz wurde zwanzig Jahre nach der Besetzung von den bedeutendsten Meistern des Oki­nawa-te gebildet. Jetzt brach die Zeit an, in der nur noch vertrauenswürdigen Personen im Geheimen die Okinawa Kampfkunst, das Te gelehrt wurde. Die entstehenden kleinen Schulen wurden meist innerhalb des eigenen Clans oder der eigenen Familie geführt. Bei chinesischen Meistern konnten hauptsächlich nur adlige Okinawaner eine Ausbildung genießen. Wer nicht zu die­sem Kreise gehörte, musste versuchen seinen eigenen Kampfstil zu entwickeln.

Dafür gab es genügend Gelegenheiten. Die Zeit damals war geprägt von herrenlosen Samurai, Überfällen durch Banden, Bau­ern­auf­stän­den, gewaltsamen Racheakten und Übergriffen der japanischen Besatzer. Bauern entwickelten tödliche Waffen aus ihren Alltagsgegenständen und aus ihren Werkzeugen. Es entstanden Waffen des Okinawa Kobudo. So konnten sie mit ihnen und ihren To-te-Kenntnissen Kämpfe gegen die gut ausgerüsteten Krieger bestehen. Man focht jeden Kampf mit allen zur Ver­fü­gung stehenden Mitteln bis zum Tod aus. Durch die unterschiedliche Ausstattung mit Waffen, gab es nur eine geringe Mög­lich­keit für Unbewaffnete lebend davon zu kommen. Ein Unbewaffneter musste mit einem Schlag oder Tritt den Gegner so treffen, dass er vernichtet wurde. Es galt die Regel nicht getroffen zu werden, dafür aber den Gegner vernichtend zu treffen.

Die Japaner wurden durch die tödliche Wirkung dieser Kampfkunst aufgeschreckt. Sie verboten die Ausübung von Te. Diese Reaktion führte wiederum dazu, dass man noch stärker im Geheimen diese Kampfkunst trainierte. Dabei entwickelten sich un­terschiedliche Stilrichtungen. Diese hatten aber eins gemeinsam: Sie bündelten festgelegte Abläufe der Kampftechnik zu den sogenannten Kata. In einer Kata werden in einer bestimmten Reihenfolge Abwehr- und Angriffstechniken zusammengeführt. Sie simulieren einen Kampf gegen einen imaginären Gegner. Die festgelegte Schrittfolge erinnert an eine Art Tanz, was zur Geheim­haltung diente. Die Techniken wurden durch ständiges Üben und Wiederholen immer ausgefeilter. Das Training kräftigte den Körper und schulte das Reaktionsvermögen des Trainierenden.

Da jeder Meister seine eigenen Kata entwickelte kann man nicht mehr sagen wieviele Kata es überhaupt gibt. In den Kata findet man das geballte verschlüsselte Wissen von To-te und Kempo wieder, welches von Generation zu Generation weiter gegeben wurde. Dabei bildeten sich unterschiedliche Stilrichtungen im Laufe der Zeit heraus. Diese wurden oft nach den Orten wo sie gelehrt wurden benannt. So entwickelte sich in Shuri die Stilrichtung Shuri-te, in Tomari die Stilrichtung Tomari-te und in Naha die Stilrichtung Naha-te. Jede Stilrichtung entwickelte besondere Fähigkeiten.
Die „innere“ Schule der Chinesen wurde von der Stilrichtung Shuri-te eingesetzt. Sie legte viel Wert auf innere Kräfte und Ener­gi­en sowie auf die Atmung und physische Stärke. Sie benutzt hauptsächlich runde, weiche und entspannte Aus­weich­be­we­gun­gen.
Aus den Elementen von Shorin-ryu und Shorei-ryu wurde die Stilrichtung Tomari-te entwickelt. Sie legt die Schwerpunkte nicht so stark auf die „inneren“ beziehungsweise „äußeren“ Richtungen der chinesischen Schule, sondern gleichverteilt auf beide.
Naha-te wiederum legte sein Hauptaugenmerk auf die „äußere“ Schule des chinesischen Chuan-fa. Später hieß diese Stil­rich­tung Shorei-ryu. Sie trainiert besonders Stabilität, Stärke, Festigkeit und Kraft.

Okinawa wurde schließlich 1875 eine Präfektur Japans. Die politische Situation entspannte sich und der Adel und der Be­am­ten­stand hatten sich an die Lebensgewohnheiten Japans gewöhnt. Man konnte nun Kara-te und Te offiziell trainieren. Es war vorbei mit den heimlichen Übungsstunden. Durch Zufall stellte man bei einer Musterung in Shuri im Jahre 1890 eine sehr gute Kon­sti­tu­ti­on einiger junger Männer die Kara-te trainierten fest. Darauf bekam der Karatemeister Anko Itosu den Auftrag einen Lehrplan für den Schulunterricht zu erstellen. So lehrte man seit 1902 offiziell an den Mittelschulen das Okinawa Karate. Die Okinawa Kampfkunst Karate entwickelte sich von einem ausschließlich der Selbstverteidigung dienenden Kampf zu einer allgemeinen Leibesertüchtigung.

Gichin Funakoshi gehörte zu jenen Leuten, die diese Entwicklung vorantrieben. Er begann das Okinawa Karate zu sys­te­ma­ti­sie­ren und zu strukturieren. Zu dieser Zeit änderte er auch die Bedeutung von „kara-te“ in das heute übliche „leere Hand“, da die chinesischen Wurzeln die Verbreitung auf dem Japanischen Festland hinderten. Auch Kanryo Higaonna perfektionierte das Okinawa Karate während eines längeren Aufenthaltes in China weiter. Dafür ging er in die Schule von Meister Liu Liu Ko. Als er wieder zurückkam verband er ausweichende, weiche Abwehrbewegungen mit harten, direkten Kontern. Sein Schüler Chojun Miyagi entwickelte diese Technik später zum Goju-ryu weiter. Funakoshi ging von Okinawa nach Tokyo und bot auf einer Ver­an­stal­tung der Budo-Künste seine Techniken des Okinawa Kobudo und Karate dar. Jigorō Kanō, der Begründer des Judo, lud Funakoshi 1922 in sein Dojo ein und ließ regelmäßig einige seiner Schüler unter Funakoshi trainieren. Zwei Jahre später grün­de­te Funakoshi schließlich sein eigenes Dojo in Tokyo. Um 1930 wuchs der öffentliche Druck, diese Übungen zur Körper­er­tüch­ti­gung aller zugängig zu machen. Karate entwickelte sich in einen Sport. Hauptsächlich unterscheidet man heute die Stil­rich­tun­gen Wado-ryu, Shito-ryu, Shotokan und Goju-ryu im Karate.