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Japan Studienreisen

Kenzaburo Oe

Literaturnobelpreisträger

Der japanische Literatur Nobelpreisträger Kenzaburō Ōe zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern der Nachkriegsgeneration. Seine Werke voll spröder bilderreicher Prosa, die für das westliche Kulturverständnis einem fremden Rhythmus folgt, blieben bis dahin in Europa weitgehend unbekannt.

Frühe Jahre

Die Biografie von Ōe Kenzaburō beginnt in einem abgelegenen Dorf auf der kleinsten der Hauptinseln Japans, Shikoku. Der im Pazifik tobende Krieg scheint weit weg zu sein. Er wird 1935 in eine kinderreiche Familie hineingeboren. Seine Großmutter, im ganzen Dorf als Geschichtenerzählerin geschätzt, entführt den kleinen Jungen früh in imaginäre Traumwelten. Der ei­gen­bröt­le­rische Junge flüchtet sich ab und zu in den nahegelegenen Wald und versteckt sich dort in hohlen Bäumen. Nur dort habe er sich, wie er später sagt, wirklich geborgen gefühlt. Mit neun Jahren verliert er sowohl den Vater als auch die Großmutter und damit zwei bedeutende Identifikationsfiguren. Als in Hiroshima die verheerende Bombe fällt, ist Kenzaburō Ōe 10 Jahre alt und hört im Radio die Stimme des Kaisers, der die Kapitulation Japans verkündet. Er beginnt früh, japanische Schriftsteller zu lesen und wird in der Schule schnell zum Außenseiter. Die Erlebnisse in Dorf und Schule verarbeitet er später in dem Roman „Reißt die Knospen ab”, einem hochpoetischen Buch mit prägnanter Bildersprache.

Erste literarische Schritte

Erst achtzehnjährig zieht Kenzaburō Ōe 1953 nach Tokyo und beginnt bald darauf Literaturwissenschaften zu studieren. In sei­ner Studienzeit kommt er mit den Werken von Pascal, Camus, Kobo, Faulkner und Sartre in Berührung. Eine besondere Fas­zi­na­ti­on übt auf ihn der Hauptvertreter des Existenzialismus, Sartre, aus, der künftig prägenden Einfluss auf sein Schaffen haben wird. Bald wendet er sich der französischen Literatur zu. Er schreibt erste Stücke und Gedichte, arbeitet an der Schulzeitschrift mit und bekommt 1958 noch während seiner Studienzeit für „Der Fang” den renommiertesten japanischen Literaturpreis, den Akutagawa-Preis.
Er schließt 1959 sein Studium mit einer Arbeit über die Bildwelten in Sartres Romanen ab.

Schicksalhafte Wendung

Ein Jahr später heiratet Kenzaburō Ōe die Schwester seines Freundes, der später den Freitod wählt. Die Geburt seines Sohnes 1963 wird zum schicksalshaften Wendepunkt seines Lebens und bestimmt fortan wesentlich sein literarisches Schaffen.
Sein Sohn Hikari, dessen Name Licht bedeutet, wird mit einer schweren geistigen Behinderung geboren, die es ihm nie er­lau­ben wird, sich mitzuteilen. Kenzaburō Ōe schwankt zwischen Hoffen und Verzweiflung und ertappt sich bei dem Gedanken, ob es besser sei, wenn der Sohn sterben würde, und dann im nächsten Augenblick an seiner eigenen Menschlichkeit zu zweifeln. Der Schriftsteller selbst beschreibt die Geburt seines Sohnes als gravierendstes Ereignis seines Lebens und die darauf fol­gen­de Zeit als traumatisierend. Sein Sohn wird zum Zentrum seines Lebens, er fühlt sich selbst, wie er sagt, oft emotional aus­ge­löscht, seine Träume fänden keinen Platz im Leben.
Aus diesen Konflikten und Erlebnissen entsteht sein wohl bekanntestes Werk „Eine persönliche Erfahrung”, das au­to­bio­gra­phi­sche Züge trägt. 1964 erhält er dafür den Shinchosha-Literaturpreis.

Dringlichkeit des Schreibens

Im Geburtsjahr seines Sohnes besucht er Hiroshima und spricht mit den Opfern. Er empfindet es als Verpflichtung, gegen Krieg und Nuklearwaffen zu kämpfen, thematisiert in seinen Büchern die Apokalypse Hiroshimas und setzt sich kritisch mit dem Oki­na­wa­krieg auseinander. Es gelingt ihm literarisch, in Gleichnissen Geschichten und Mythen der Vergangenheit mit der Ge­gen­wart zu verknüpfen. So im Roman „Der stumme Schrei” für den er 1967 den Tazinaki-Preis bekommt.
Als Kenzaburō Ōe 1994 den Nobelpreis erhält, reist er zusammen mit seinem behinderten Sohn nach Schweden. In der Wür­di­gung heißt es: „Für seine Erschaffung einer Welt im Werk, in der sich Leben und Mythos zu einem erschütternden Bild des Men­schen in der Gegenwart verdichten.“

Sein Werk kommt einer schmerzhaften Ergründung des menschlichen Lebens gleich und ist, wie die Züricher Zeitung schrieb: „Einfühlsam und schonungslos, seine Worte bohren sich wie Splitter ins Herz.”
Kenzaburō Ōe, der bis heute seinen Sohn pflegt, ist auch Anwalt der Menschenrechte und engagiert sich derzeit in der Friedens- und Antiatomkraftbewegung Japans.